Jenseitskontakt – auf der Suche nach dem Glück im Reich der Toten

Ersteinmal kurz vorne weg: ich war im letzten Jahr inmitten einer persönlichen Kriese, habe festgestellt, dass mir mein Beruf den ich seit 14 Jahren ausübe, mehr Stress bereitete als ich aushalten konnte und ich das Leben das ich führte, mitsamt der Beziehung in der ich mich befand nicht mehr so leben wollte. Da ich jedoch keinen Plan B in der Tasche hatte stürzte mich dies in ein ziemliches Loch der Unzufriedenheit und Ratlosigkeit. Dieser Zustand hat sich dann auch körperlich bei mir ausgewirkt, über Monate hinweg litt ich unter starken Schlafstörungen, die nicht nur direkte Auswirkungen auf meinen gesamten Tagesablauf (die meisten Nächte weniger als 4 Stunden Schlaf, Tagesstart ab morgens um 4 oder 5 und bis in die Tiefe Nacht hinein wach) sondern auch auf mein ganzes körperliches Wohlbefinden (Übermüdung, starke Kreislaufbeschwerden, Übelkeit, Apettit- und Antriebslosigkeit, Stimmungsschwankungen bis hin zu Agressionen) hatte. Es ist wohl nicht schwer nachvollziehbar, dass darunter auch mein komplettes Umfeld (Partner, Familie, Freunde, Kollegen) litt und sich meine kompletten sozialen Kontakte vollkommen veränderten und abbauten.

Nun und da ich, wie schon bereits zuvor einmal erwähnt mit den hohlen Phrasen der Ratgeber rund um „Glücklichwerden in 10 Schritten“ und „Lebe ein glückliches Leben“ einfach nicht weiter kam war irgendwann die Frustration und Verzweiflung so groß, dass ich zum Einen vom Arzt Medikamente verodnet bekam und zum Anderen bereit war alles und damit meine ich wirklich alles zu tun um nicht nur Ideen, sondern auch eine tatsächliche Veränderung dieses Zustandes zu erhalten. Aber wie und wo fängt man da an?

Ich habe ab dem Moment ab dem ich erkannt habe, dass ich bereit war anzunehmen was sich mir bietet, tatsächlich einfach alles angeboten was sich mir bat. Und dies führte dazu dass mir wirklich die skurrilsten und bis zu diesem Zeitpunkt undenkbarsten Ereignisse wiederfahren sind.

Heute weiss ich, dass dieses Hölzchen auf Stöckchen, diese eine Empfehlung die zur nächsten führte und der eine Wink der dem nächsten folgte, kein Zufall war, sondern vielmehr eine Fügung.

Die Verkettung von Umständen, wie sie im nachhinein betrachtet genau richtig und gut für uns waren und wie wir sie uns im Vorfeld niemals hätten ausdenken können macht plötzlich am Ende irgendwie Sinn und lässt einen erkennen, dass dies genau so der eine Weg war den man beschreiten sollte, der für einen vorbestimmt ist.

Bei mir begann der ganze „Spuk“ bei einem sonntäglichen Spaziergang durch meine Heimatstadt Mülheim an der Ruhr. Diese Stadt ist geprägt durch vornehmlich Rentner und Tote Hose und somit das komplette Gegenteil meiner Wahlheimat Köln. Aber hin und wieder bin ich Wochenends dort und striff mit meinem Hund durch eine kleine, zu diesem Zeitpunkt völlig ausgestorbene Einkaufsstraße im „Dörfchen Saarn“.

Hier wurde der Laden „Anna Spirit“ angepriesen bei dem es nicht nur alles rund um Yoga, Meditation und Eso-Schischi zu kaufen gibt sondern auch Workshops zu vielerlei Themen angeboten werden. Diese wurden einzeln mit kleinen Flyern beworben. Allerhand für mich uninteressantes Zeugs dabei und dann blieb ich doch bei einer angebotenen Abendveranstaltung stecken: „Jenseitskontakt, eine Vorstellung darüber wie die Toten Klarheit in unser Leben bringen können. Angeboten von Schlüssel-zur-Heilung“ Das klang wie eine Aufforderung für mich und da dieser am darauffolgenden Wochenende zu einem wirklich kleinen Preis stattfinden sollte, meldete ich mich umgehend am nächsten Tag hierzu an.

Es ist vielleicht vorstellbar wie unangenehm meine gesundheitliche Situation eh schon war und wie schwer es Familie und Freunde fiel mit meiner Orientierungslosigkeit zurecht zu kommen, schließlich bin ich bislang immer recht Straight meinen Weg gegangen und das auch erfolgreich. Eine Begründung um über mein Leben unzufrieden zu sein, geschweige denn dies zu ändern, gab es nach aussen hin einfach nicht und war für mich nicht erklärbar. Fakt ist nur, dass die gesundheitlichen Begleiterscheinungen mich zu einer Veränderung zwangen. Jedenfalls entschied ist vorerst mal niemandem von dieser Abendveranstaltung zu erzählen. Die halten mich ja alle für irre auf was für Ideen ich nun komme… und ehrlich gesagt hielt ich mich auch irgendwie für irre. Mit Toten sprechen, so ein Quastch! Und was sollten diese mir zu sagen haben?? Was sollten die wissen was mir helfen könnte??

Nundenn meine Zurückgezogenheit und die vielfach eingeschlafenen Sozialkontakte (immerhin etwas das schläft, wenn ich es schon nicht tue) liessen es dann auch zu in Ruhe und ohne weitere Bedenken, ausser den eigenen am „Jenseitskontakt“ teilzunehmen.

Es war bereits dunkel und die Stimmung irgendwie sehr verhalten als ich die Räumlichkeiten betrat. Ein Stuhlkreis in dem bereits zwei Eso-Schischi-Frauen Platz genommen hatten, zwei weitere nebenan standen. Ich fühlte mich wahnsinnig unwohl und wären nicht nur so eine überschaubare Zahl dort gewesen, hätte ich auf dem Absatz kehrt gemacht. Herrgott was mache ich hier?

Letztlich waren wir dann mit insgesamt 6 Frauen, zwei die die Veranstaltung leiteten, Sandra und Alexa von Schlüssel-zur-Heilung und vier Gästen, ich eingeschlossen. Sandra und Alexa stellten sich und das Vorhaben kurz vor. Ihre kodderige Ruhrpottschnauze wirkte in diesem Zusammenhang sowohl sehr befremdlich, als auch irgendwie passend um mich wohl zu fühlen. Denn entgegen meinen Erwartungen waren diese wirklich alles andere als Eso-Schischi, sondern einfach zwei Ruhrpottmädels, die uns über die Praktiken des Jenseitskontaktes berichteten, was keine hochtrabende Wissenschaft sei, sondern eine Begabung die in jedem von uns schlummert und eine Selbstverständlichkeit diese auszuleben.

Normalerweise sei diese Vorstellung vor einem Rahmen von 15 bis 20 Personen, hierbei wird dann auf 3 oder 4 Personen etwas näher eingegangen. Im Umkreis von Waltrop (Dortmund und Bochum) seien sie so bekannt dass hier auch Wiederholungsabende aufgrund der hohen Nachfrage erfolgten. Die geringe Teilnehmerzahl sei ungewohnt, aber gebe nun die Möglichkeit auf jeden einzelnen ausgiebiger einzugehen.

Spätestens da war der Moment gekommen, wo ich mich fragte was mich dazu geritten hat mir sowas anzutun? Aber ich ertrug, wenn auch recht widerwillig die weitere Vorstellungsrunde, die anderen drei Besucherinnen hatten alle schon Erfahrungen mit Jenseitskontakten gemacht, zwei davon sogar regelmäßig. Na toll, jetzt bin ich auch noch der unwissende Depp im Kreise.

Zur Vorführung sollte jeder dann einzeln nach vorne kommen und Alexa forderte mich als erste auf. Meine eingeworfenen Bedenken „ich bin ja zum ersten Mal hier und möchte ersteinmal schauen wie die anderen das so machen, könnte ich bitte erstmal zusehen“ wurden damit begraben, dass Alexa mir sagte, dass ich eine so starke und dominate Männerenergie mitgebracht hätte, schon mit Betreten des Raumes, dass diese erst einmal zu Wort kommen müsse, bevor man sich auf die anderen im Raum befindlichen Seelen konzentrieren könne. Das sass! Ich bin erschrocken erstaunt und ich schwieg, tat wie mir befohlen und stand nun im Mittelpunkt des ganzen Treibens. Männerenergie, was für eine Männerenergie, ich kenne gar keinen verstorbenen Mann.

Und Alexa legte unbeeindruckt meiner Skepsis und Verschwiegenheit einfach los. Umschrieb einen Mann, seine prägnanten und aussergewöhnlichen Hut, seine Dominanz und Durchsetzungsstärke, seine große und hagere Statue und seinen Gehfehler. Dieser Mann liess mir dann mitteilen, dass ich einer von mehreren Geschwistern sei und grade in einem besonderen Fokus stünde, ich grade einen sehr schwierigen Weg vor mir hätte aber unbedingt dabei bleiben solle diesen auch zu gehen. Ich ein großes Herz hätte und dieses jetzt auch endlich einmal mehr zum Einsatz bringen solle, denn dies bliebe bislang zur Hälfte verborgen. Mir eine Trennung von meinem Partner bevor stünde und er mir eine so schöne Ehe mit einem neuen Partner wünscht, wie er sie selbst geführt hatte.

Was zum Kuckuck soll das alles hier, sowas kann doch alles oder nichts heissen und irgendwie doch auf jeden zutreffen! Oder nicht? Naja irgendwie trifft es tatsächlich auf mich zu. Aber das hat alles nichts zu bedeuten. Wer soll dieser Mann sein? Der ist nicht von mir. Da ich nicht weiss wie so ein Jenseitskontakt für gewöhnlich läuft hielt ich einfach still und sagte kein Wort.

Alexa fuhr weiter fort. Der Mann ist sehr stolz auf mich und möchte dass ich nun weiter meinen neu eingeschlagen Weg verfolge. „Wer könnte dieser Mann sein“.

Huch, das fragte Alexa mich grade. „Keine Ahnung. Ich kenne ihn nicht.“

„Okay, dann frag ich ihn mal nach seinem Namen.“ ….. „Er heisst Franz.“

Franz kenne ich nicht. Franz… nö… doch! Mein Opa hieß Franz! Tatsächlich jetzt fällts mir ein. Hätte man mich vorher gefragt, ich hätte ebenfalls überlegen müssen wie mein Opa denn mit Vornamen hieß.

Denn ich habe ihn nie richtig kennengelernt, er starb als ich noch sehr klein war. Und plötzlich schiessen mir all ihre äußerlichen Beschreibungen des Mannes wieder in den Kopf und sie hat recht, der Hut, die Gehbehinderung, die Statue, das könnte tatsächlich mein Opa sein.

Zum zweiten Mal an diesem Abend bin ich erschrocken erstaunt.

„Er sagt du hättest gar nicht damit gerechnet ihn heute hier zu treffen.“

„Nein, ehrlich gesagt kenne ich eigentlich nur Frauen die verstorben sind.“

„Ja da ist auch eine Frau. Ich bitte sie kurz nach vorne.“

Und dann begann Alexa 1 zu 1 die komplette Erscheinung, von Kleidung über Schminkgewohnheiten bis hin zur Gestik meiner verstorbenen Omi zu beschreiben. Die, wie es schon zu Lebzeiten typisch für sie war, in einem solchen öffentlichen Rahmen nicht über familiäre Dinge sprechen wollte.

Ich schmunzelte und war irgendwie erleichtert, denn sie war der sprichwörtliche lebendige Beweis dafür, dass alles rund um das was von meinem Opa zuvor erzählt wurde, wohl auch der Wahrheit entsprach.

Als ich aufstand um zurück in den Stuhlkreis zu gehen und einer anderen Besucherin den Platz frei zu machen, fragte mich Sandra noch nach meinem Vornamen. Unfassbar. Ich hatte diesen Menschen nichts von mir erzählt, noch nicht mal meinen Namen. Und all das was gesagt wurde, über Geschwister, über Lebenssituation, über Beziehung, all das konnten sie von mir nicht wissen.

Die drei anderen Besucherinnen liefen bei mir wie in einem Film ab, ebenfalls mit sehr beeindruckenden Erkenntnissen und Erzählungen aus dem Reich der Toten, alle drei waren jedoch viel aktiver als ich, standen in einem Dialog mit den Toten, stellten Fragen und erklärten viel mehr rund um das soeben erfahrene. Hätte ich das gewusst, hätte ich sicher auch viel mehr gefragt, erklärt. Aber vielleicht war es auch genau richtig so für mich.

Als ich danach Auto saß musste ich ersteinmal tief Luft holen und mir darüber klar werden was ich davon zu halten habe. Weniger, was mir von Opa und Omi gesagt wurde, vielmehr dass es sie tatsächlich irgendwo um uns herum alle noch gibt. Ja, sie begleiten uns noch immer und finden in Gelegenheiten wie diesen die Möglichkeit mit uns weiterhin in Kontakt zu treten.

Unheimlich fand ich das alles gar nicht. Vielmehr irgendwie beruhigend. Beruhigend dass wir nicht alleine sind, beruhigend dass unsere Zeit nicht endlich ist, dass alles irgendwie weitergeht.

Und auch wenn ich grade in meinem direkten Umfeld keine wirklichen Befürworter meiner Veränderung habe, so gibt es doch Seelen, Begleiter, die uns unterstützen und, die wenn sie die Möglichkeit bekommen und sagen wie richtig unser Weg ist.

Ich kann nicht sagen ob ein Jenseitskontakt immer so läuft oder nicht. Ich weiß nur, dass ich an all dies vorher nicht glaubte und keine wirklichen Erwartungshaltungen hieran hatte. Mich hat es sehr weiter gebracht, denn ich habe hierdurch verstanden, dass es Energien gibt, woher auch immer sie kommen, die uns begleiten und unterstützen.

Meiner Familie und meinen Freunden habe ich hiervon im Nachhinein erzählt. Und so absurd es alle anfangs fanden, so glaubwürdig war es nach der detaillierten Beschreibung der Verstorbenen. Natürlich kann man auch eine ausführliche Sitzung buchen und vielleicht werde ich dies auch irgendwann mal machen, aber für diesen Moment, in dem Rat- und Orientierungslosigkeit zusammen kamen, reichte mir die Erkenntnis, einfach nicht alleine zu sein.

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