Strenge

Teil 1 – Sei nicht so streng mit dir, sei glücklich!

Der Feind der Gelassenheit: die eigene Strenge

Vor Kurzem habe ich über die Wichtigkeit der Gelassenheit geschrieben und ein tolles Feedback hierauf erhalten. Einige schrieben mir, dass sie vor allem den Stress durch sich selber auslösen, viel mehr als überhaupt von Aussen der Druck kommt. Das kenne ich nur zu gut von mir selbst.

Ich habe lange gebraucht um dieses eigene Druck-Gefühl zu erkennen und noch länger um ihm einen Namen zu geben. Jetzt habe ich einen: Strenge! Aber woher kommt eigentlich die Strenge sich selber gegenüber?

Meist sind es Freunde, Familie oder die Kollegen, die mir aufmunternde Worte sagen und mich bestärken, dass ich eine gute Freundin bin, einen guten Job mache oder sportlich gut drauf bin.

Aber meine eigene Messlatte ist so hoch gesteckt, dass sie eigentlich kaum zu überwinden ist. Daher ist schlichtweg ein „nur gut“ nicht ausreichend. Es scheint als stünde ein Soldat neben mir und brüllt mir die Massregelung in die Ohren.

Kennst du diesen Soldaten auch? Bist du auch so streng zu dir? Hast keinerlei Verständnis für dich und forderst dich stetig selber zu mehr Kontrolle und Disziplin auf? Oder noch schlimmer, putzt dich ständig für Fehltritte und Missgeschicke runter?

Ich bin mir selber gegenüber immer sehr streng! Mein Soldat lässt bei mir kaum einen Fehltritt durchgehen und kein einziger bleibt unbemerkt. Er rügt mich  und versucht mich immer wieder zur Contenance zu bringen.

Und wie du dir denken kannst, funktioniert dies auf Dauer eher schlecht als recht. Und somit bin ich im Umgang mit mir selber immer unzufriedener geworden.

Das Gebrüll des Soldaten wurde immer lauter. Meine eigene Rüge in der Disziplin zog sich durch jede Ebene. Sei es der Stapel der Vorgänge im Büro, der schneller und auch etwas umfangreicher abgearbeitet werden könnte oder das missliche Telefonat mit dem Kunden. Sei es das gesühnte Essen am Abend oder die nächtliche SMS an den Ex.

Nie ist ein Aussenstehender auf mich zugekommen und hat hierfür seinen Zeigefinger erhoben. Immer habe ich mich über mich selber so sehr geärgert und gerügt, dass auch kein Anderer diese Rolle hätte übernehmen müssen. Denn ich selbst bin mir gegenüber der härteste und strengste Richter; der lauteste Soldat.

Da mich dieser selbst gemachte Druck so stresste ging ich dem Ganzen auf den Grund.

Gesagt getan! Und so unterschied ich die beiden Segmente meiner gegen mich selbst gerichteten Strenge. Einmal in meine Selbstkontrolle auf kognitiver Ebene (also Wahrnehmung und Denken) und einmal meine Strenge auf emotionaler Ebene (also Fühlen und Spüren). Das druckvolle Gefühl ist hierbei das Gleiche, allerdings sind die Auslöser und der Umgang mit dem Gefühl unterschiedlich. Deshalb ist es sinnvoll, diese beiden zu unterscheiden und in zwei Teile aufzuteilen:

 

Strenge

Teil 1 – die kognitive Ebene:

Auf der kognitiven Ebene (also unserer Wahrnehmung und dem Denken) reagieren wir herrisch über unsere eigenen Fehler, ohne dass diese überhaupt als Fehler angesehen werden könnten oder negative Auswirkungen hätten. Mir kommt hierbei häufig die überzogen und unangemessen strenge Lehrerin in den Kopf. Die zu unrecht Strafarbeiten für eine Flüchtigkeit, ein Versehen aufhängt. Meist taucht diese in beruflicher Selbst-Disziplinierierung auf. Kann sich jedoch auch auf den gesamten privaten, meist organisatorischen Bereich ausbreiten.

Denn selbst wenn wir in einem Moment unvernünftig gehandelt haben (der ruhende Aktenstapel oder der verprellte Kunde), so haben wir sicherlich nicht absichtlich oder jemandem mutwillig schädigend gehandelt. Oft steht der eigene Vorwurf, der selbstgemachte Druck und die Selbstverurteilung darüber, in keinem Verhältnis zu den meist nur geringen Folgen die daraus entstehen.

Trotzdem! Es gibt auch noch eine gute Seite des selbst gemachten Drucks und der hieraus resultierenden Strenge. So hat mich die Disziplin beruflich auch sehr weit gebracht. Fokussiert und Kontrolliert zu sein und neben Job auch Studium und Co. unter einen Hut zu bringen ist wirklich eine Leistung. Und ohne entsprechende Selbststrenge wohl kaum konsequent durchzuziehen.

Aber mich hat die Strenge mir selber gegenüber auch krank gemacht. Denn ich habe mich diszipliniert und bin über meine Grenzen hinaus gegangen. Denn anstatt auf mich und meinen angeschlagenen Körper zu hören, kam der Soldat und verpflichtete mich zum erneuten Antritt. Hatte keinerlei Mitgefühl für meine körperliche Schwäche, sondern versuchte mit seiner Härte hierüber hinweg zu gehen und erinnerte mich an bereits andere gemeisterte Situationen, die ebenso anspruchsvoll waren. Oder verglich mich mit anderen Menschen, die gleiches oder noch viel mehr zu leisten haben.

Und so verfiel ich immer wieder und immer mehr in ein „über meine eigenen Wünsche und Bedürfnisse hinweg gehen“ und strikt funktionieren. Im Nachhinein und von Aussen betrachtet, ist es völlig logisch, dass dies so auf Dauer nicht gut gehen kann. In der Situation selber habe ich mich jedoch nicht frühzeitig genug reflektiert und somit nicht gesehen, dass mich mein eigener Perfektionismus dazu bewegt ständig Grenzen zu überschreiten.

 

Strenge

Gute und böse Strenge

Aber wie kommt man nun aus dieser Falle wieder raus? Wie unterscheiden wir die Strenge die uns voran bringt, uns erfolgreich und vielleicht auch glücklich macht von der Strenge die uns auf Dauer bremst, undankbar ist und krank macht?

Wenn du den morgendlichen Tritt brauchst, die eigene Rüge eher einer Selbstmotivation gleicht und das Motiv dahinter das Erreichen ein für dich glücklich machendes Ziel ist, dann ist dies eine gute Strenge, etwas was dich antreibt, diszipliniert und dir hilft, auch durch anstrengende Täler hindurchzugehen. Am Ball zu bleiben und dein Glücksziel zu erreichen.

Stelle dir selber einmal die Frage an welchen Momenten dir deine gute Strenge weitergeholfen hat und wie wichtig es für dich ist, dass du sie hast.

 

Wenn du jedoch merkst, dass du nur noch funktionierst und nicht mehr genau weisst warum, dann steckt hier oft eine böse Strenge dahinter. Eine wenig sinnvoll, krank machende disziplinarische Strenge. Die meist in Kombination mit deinem selbst gesteckten Perfektionismus, in Form deines kleinen Soldaten auftritt.

Stelle dir also die Frage wieso du dich für die eigenen Fehltritte, Missverständnisse und menschlichen Nachlässigkeiten so runter putzt und deine Leistung selber so in Frage stellst.

 

Natürlich geht es im Leben, bedeutet vor allem im Arbeitsalltag und deinem organisatorischen Umfeld nicht darum den Perfektionismus vollständig an den Nagel zu hängen. Schlampig, unzuverlässig oder unverantwortlich zu werden. Auch sollst du zukünftig nicht unfertige und halbherzige Dinge tun, weil du schlichtweg keinen Bock hast. Nein! Natürlich sollst du auch weiterhin dein Bestes geben. Zu 100%. Das reicht – mehr nicht! Und wenn es mal weniger werden ist das auch okay, denn meist reicht dies aus. Es müssen nicht immer siedende 120 % sein, dies ist falscher Ehrgeiz und macht dich krank. Heisse 80 % sind völlig in Ordnung!

Es heisst Perfektionismus ist der Saboteur des Glücks. Sabotiere dich nicht selbst, erkenne die böse Strenge und handle dagegen. Nimm es an und entscheide dich einfach mal bewusst dafür, den Perfektionismus ruhen zu lassen, den Soldaten zum schweigen zu bringen. Du wirst eine andere Leichtigkeit und Freude bei der Erledigung deiner Aufgaben bekommen.

Es ist also immer wichtig, deine Strenge in den einzelnen Situationen wahr zu nehmen, und einzustufen in gut oder böse. Und dann zu handeln!

Die böse Strenge, den damit einhergehenden Perfektionismus ruhen zu lassen. „Nur“ Heisse 80 % geben! Du wirst sehen, diese bewusste Notbremse wirkt, macht dich selbstsicher und schützt dich vor eigenen und fremden Angriffen. Denn es gibt einen Grund warum du den Perfektionismus ablegst und gegen deine böse Strenge angehst. Du weisst, dass er dir dauerhaft nicht gut tut!

Gute Strenge hingegen ist eine willkommene und dankenswerte Eigenschaft, die einhergehende Selbstdisziplin hilft dir deine Ziele zu erreichen. Den inneren Schweinehund, Schüchternheit und Faulheit zu überwinden und glücklich zu werden.

 

Im zweiten Teil gehe ich der Strenge auf der emotionalen Ebene auf den Grund. Denn hierbei geht’s richtig rund. Die emotionale Strenge betrifft jeden von uns, hat uns voll im Griff und lässt sich nur schwer steuern. Aber auch hierfür gibt es Möglichkeiten milder dir gegenüber zu sein und ich erkläre dir wie dies sehr leicht und wirkungsvoll geht.

Deine Steffi

von felicee-feeling.de

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12 comments

  • Christine-Claudia Fischer

    Der Bericht ist mal wieder sehr schön geschrieben! Gefällt mir super. Ich kenne das von mir Gott sei Dank nicht, dass ich zu streng mit mir bin. Manchmal wünsche ich es mir, aber irgendwie klappt das nicht. Natürlich bin ich ehrgeizig, aber mit einer gewissen Portion „ach lass mal gut sein“.

    Freue mich auf Teil 2!

    LG Christine

  • Limalisoy

    Mal wieder ein wahnsinnig umfangreicher und motivierend geschriebener Text von dir. Ich mag deine Art, dich selbst am Schlafittchen zu nehmen und deine Strategien zu beschreiben. Mir hilft das sehr und ich erkenne mich meistens ziemlich genau in deinen Texten wieder.
    Auch ich freue mich auf Teil 2 und danke dir für den schönen Beitrag!
    LG Yvonne

  • Miss Grapefruit

    Sehr schöner Artikel.
    Ich kenne diese Situationen nur allzu gut, wo man zu streng mit sich selbst ist. Persönlich sehe ich viele Dinge viel zu kritisch, wo andere bereits sagen, dass alles in Ordnung sei. Ich sitze gerne an Dingen so lange bis sie perfekt sind.
    Es mag zwar sein, dass es für andere perfekt ist, ich versuche aber meist das Beste auf der Situation herauszuholen und nicht nur etwas Gutes.

    Liebe Grüße
    Jeanette

  • analogMensch

    Eigentlich wollte ich zum letzten Teil schon etwas schreiben, aber manchmal…naja, jetzt dann halt eben!

    Ich kenne diese Strenge leider sehr gut, viel zu gut! Gerade dann, wenn ich den Dingen nachgehe, die ich gerne tue. Beim Werkeln allgemein, Löten, Dinge bauen, Nähen. Da wird dann wirklich so lange gemacht, bis absolut nichts mehr geht! „Passt schon so!“ ist mir noch lange nicht gut genug, dann finde ich immer noch Kleinigkeiten die mir noch nicht zu 100% gefallen.

    Ich weiß, dass ich es mir damit selbst schwer mache. Aber irgendwie kann ich auch nicht wirklich anders. Frag mich bitte nicht warum, ich kann das nicht erklären.

    Das schöne ist aber, wenn ich dann die 117,5% gegeben habe, dann bin ich sowas von zufrieden mit mir! Ist dann einfach ein richtig geiles Gefühl!

    • Steffi

      Ja, dieses Erfolgserlebnis-Gefühl kenne ich auch sehr gut. Und das sollte man sich auch nicht nehmen lassen.
      Ich halte es für richtig in den entsprechenden Situationen, in denen es erforderlich ist auch mal über die 100 % hinaus zu gehen. Dies sollte bewusst erfolgen und eher die Ausnahme sein.
      Dann ist der Erfolg nämlich wirklich besonders belohnt und das Geniessen macht noch mehr Freude.
      Lieben Gruß,
      Steffi

  • Nicole

    Ach, ich mag deine Texte inzwischen. Die lassen sich so schön lesen, passen super zum Alttag und du sprichst einem aus der Seele. Zum anderen sind es dinge, über die wir gar nicht so nachdenken.

    Zu deinem heutigen Thema..
    Hm, also so streng bin ich gar nicht mit mir. wenn ich mir dass jetzt so überlege. Vielleicht kommt es mir aber auch nur gerade so vor. Ich wünschte, ich wäre strenger mit mir. Das Fängt beim „Nicht kaufen“ an und hört beim „Früh gleich aufstehen, wenn der Wecker klingelt“ auf.

    Vielleicht mal Tipps geben, zum strenger werden ^^. Diese könnte ich mal gebrauchen.

    Liebe Grüße

    • Steffi

      Hallo Nicole,
      danke dir! Deinen Hinweis nehme ich gerne auf und schaue mal, wo mir im Alltag die mangelnde Disziplin begegnet, sodass ich dann auch hierüber mal berichten werde.
      Liebe Grüße,
      Steffi

  • Tanja von Produktfreiraum

    Toller Post, liebe Stefanie…. ich kenne das nur zuuuuu gut. Ich bin selbst sehr streng mit mir, habe hohe Ansprüche und bin daher auch eher weniger entspannt Dafür versuche ich aber einiges zu tun, bin mir dessen also bewusst aber einfach ist es definitiv nicht. Weiter so mit deinen tollen Artikeln, die zum Nachdenken anregen. LG Tanja

    • Steffi

      Danke Dir Tanja!
      Es ist schön und auch wichtig, dass du diese Unentspanntheit selber erkennst, das ist der erste Schritt um es zukünftig anders angehen zu können! 😉
      Liebe Gruß,
      Steffi

  • Peter Traxler

    Ich bin Schweizer und wohne in Spanien in der Provinz Caceres der intakten Natur wegen. Die Schweiz wird gelobt für ihre Perfektion und gute Organisation in vielen Dingen. Organisiert wird von Menschen, welche sich Präzision, Exaktheit und eine gewisse Strenge mit sich selbst angeeignet haben, um diesem Nimbus gerecht zu werden. Ich bin auch so einer. In Spanien ticken die Uhren anders, alles ist lockerer, entspanter, fast nichts funktioniert auf Anhieb, und das nervt. bis zu körperlichem Schmerz. Ich lehne diese Laschheit innerlich ab, und dann wiegt jedes Versehen, welches ich mir unabsichtlich leiste umso schwerer und ich mag mich dann nicht, weil ich so Mühe habe, cool zu bleiben. Ich benötige dann Stunden um mich wieder zu entspannen.

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